Festrede von Prof. em. Dr. Ludger Kremer zum Jubiläum

Festkommers 100 Jahre Musikkapelle Heiden e.V.
Festrede
Sehr geehrte Festgäste, meine Damen und Herren!
Wenn man sich von der Homepage der Gemeinde Heiden aus durch die Internetseiten der verschiedenen Heidener Vereine klickt, dann hat man eine abendfüllendes Programm vor sich – ich habe sie nicht genau gezählt, aber es müssen so um die 70 Vereine sein. Doch wenn man nach dem Alter dieser Heidener Vereine schaut, dann stellt sich schnell heraus, dass die große Mehrheit von ihnen noch recht jung ist, nicht älter als 20, 30 oder 40 Jahre. Es gibt nur wenige Vereine, die vor 100 Jahren oder früher gegründet wurden: Die drei Heidener Schützenvereine sind wohl die ältesten, sie existieren seit ein paar Jahrhunderten, wenn auch bis in die 1920er Jahre hinein in recht chaotischer Form; der Männergesangverein Concordia wurde bereits 1875 gegründet, die Freiwillige Feuerwehr 1883, der Kriegerverein (der den Zweiten Weltkrieg aber nicht überlebt hat) im Jahre 1889, gefolgt von der Musikkapelle 1908 – und bis zum Zweiten Weltkrieg kommen noch ein paar weitere hinzu: 1919 das Tambourkorps, 1920 die KAB, 1921 der Fußballverein, ebenfalls 1921 der Heimatverein, und schließlich 1928/29 er Reiterverein. Im kirchlichen Bereich gab es zwar noch einige weitere Gruppierungen (die Älteren unter Ihnen erinnern sich vielleicht noch an so schöne Namen wie „Jünglingssodalität“, „Jungfrauenkongregation“ oder „Marianische Kongregation“), aber über die konnte ich nichts Konkretes ermitteln.
Wir haben also durchaus Veranlassung, die Gründung dieser altehrwürdigen Heidener Musikkapelle vor 100 Jahren zu feiern. Dass gerade ich aus diesem Anlass hier stehe, hat nichts mit etwaigen besonderen Fähigkeiten und Kenntnissen im Bereich der Musik zu tun, sondern mit der Tatsache, dass ich mit gelegentlich mit der Geschichte meines Heimatortes Heiden befasst habe, und ich komme deswegen der Bitte Ihres Vorsitzenden gerne nach, das Leben in der Gemeinde Heiden zur Zeit der Gründung der Kapelle ein wenig zu skizzieren und ein paar Überlegungen anzustellen über die möglichen Motive, die zu dieser Gründung geführt haben. Ich werde mich dabei auf die Zeit um 1908 – sagen wir: die ersten beiden Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts – beschränken, alle weiteren Ereignisse im Leben der Heidener Musikkapelle finden Sie ja sehr schön dargestellt in Ihrer Festschrift.
Versetzen wir uns also ins Jahr 1908 und werfen wir zunächst einen Blick auf das Dorf Heiden – was für ein Bild bietet es dem Besucher?
Wenn dieser Besucher mit der Bahn anreisen will, hat er Glück, wenn er auch einen kleinen Fußmarsch einkalkulieren muss: Heiden ist im Jahre 1908 seit fünf Jahren verhältnismäßig gut erreichbar; die Bahnlinie Wanne-Eickel–Borken ist zwar schon seit 1880 in Betrieb, aber der Bahnhof Marbeck-Heiden wurde erst 1903 eröffnet und durch die neu angelegte Bahnhofstraße mit dem Dorf verbunden. Die Landstraße nach Borken ist bereits seit 60 Jahren „chausseemäßig ausgebaut“, wie es heißt, d.h. der ursprüngliche Sandweg wurde mit einer Schotterdecke versehen; auch nach Velen gibt es seit kurzem eine solche Schotter-Chaussee, die geradewegs durch den Nordicker Esch geht (vorher gab es Richtung Velen nur einen ziemlich elenden Sandweg dicht an den Nordicker Bauernhöfen vorbei). Besonders die Eisenbahn erlaubt es den Heidenern nun, pendelnderweise einer Arbeit im Ruhrgebiet nachzugehen (Sie wissen ja: „In Häiden is nix te wäiden“), was allerdings so manchen nicht davon abhält, sich ganz in Essen, Gelsenkirchen oder Bottrop niederzulassen – aber man bleibt ja in Reichweite und kommt mindestens zum Schützenfest wieder nach Hause.
Mit der Auswanderung nach Amerika ist es seit den 1890er Jahren so gut wie vorbei, erst in den schlechten 1920er Jahren kommt das wieder auf (auch ein Mitglied der Musikkapelle, August Pels, zieht es dann nach Amerika, wie Sie in Ihrer Festschrift nachlesen können). Um 1900 leben etwa 75% der Heidener Bevölkerung von der Landwirtschaft, etwa 20% arbeiten in der Industrie, d.h. sie pendeln, und die restlichen 5% arbeiten in Handwerk und Handel. Der Nordicker Lehrer Heinrich Osthoff schreibt in seiner Schulchronik ein paar Jahre später über die Wirtschaftsstruktur des Dorfes Heiden: „In Heiden sind drei Schmiede, mehrere Schreiner und Kaufleute und eine erschreckend große Anzahl Wirtschaften: Roring, Beckmann, Schulten, Dienberg (heute Dunkhöfner), Willing, Ebbing.“ – Dabei hat der Gute sogar noch eine vergessen: Putzebecker (Eversmann).
Das Dorf Heiden muss um diese Zeit auf den Besucher einen recht romantischen Eindruck gemacht haben, jedenfalls spricht einige Jahre später der Heidener Vikar Heinrich Francke auf eine fast schwärmerische Weise über das Dorf Heiden, „[…] dessen Eigenart schon durch die merkwürdige Gruppierung der Häuser, von denen das eine immer neugieriger als das andere sich vorschiebt und vorstreckt, so auffallend in [...] Erscheinung tritt – vom verkehrstechnischen Standpunkte aus eine Unmöglichkeit, vom künstlerischen ein besonderer Reiz […].“ Wir befinden uns 1908 noch voll in der Gründerzeit: Seit 1884 hat Heiden bereits eine eigene Bank (den Spar- und Darlehnskassenverein, die heutige Volksbank), seit 1902 eine Bäuerliche Bezugs- und Absatzgenossenschaft, und um 1910 kommt eine Privatmolkerei an der Bahnhofstraße hinzu. Elektrizität dagegen bekommt Heiden erst 1918, vorher behilft man sich mit Petroleumlampen, Muskelkraft und Dampfmaschinen.
Die Gemeinde Heiden hat im Jahre 1908 etwa 2000 Ew., an der Spitze der Gemeindeverwaltung steht der Amtmann Rappers, ein Bocholter, und Pfarrer ist Hermann Meyer; er amtiert in der vor nicht allzu langer Zeit, 1891, eingeweihten neuen großen Pfarrkirche (die dann 1973 bereits wieder ausgedient hat und abgerissen wird, nach gerade mal 80 Jahren). Seit 1904 gibt es ein Schwesternhaus der Heiligenstädter Schwestern, die einen Kindergarten einrichten, Kochkurse für die jungen Mädchen abhalten und eine Wöchnerinnenstation betreuen. Im Jahre der Gründung der Musikkapelle wird auch mit dem Bau der neuen Volksschule begonnen (die meisten von Ihnen kennen sie nur als die „alte Schule“, gelegen zwischen der Rekener und der Lembecker Straße), und die Bauerschaft Nordick hat seit 1907 eine eigene einklassige Schule. Einen Arzt hat Heiden nicht (erst 1928 lässt sich Dr. Lammers hier nieder), es gibt auch keinen Zahnarzt (das Zähneziehen besorgt ein Schmied im „Ächterdarp“, Piggensmittken genannt, der eine entsprechende Zange besitzt). Es gibt auch keinen richtigen Frisör, das Rasieren und Haareschneiden erledigt so nebenbei ein Mann namens Putzebecker, der im Hauptberuf einen Laden und eine Kneipe betreibt (später Gasthof Eversmann).
An größeren Festen für die ganze Bevölkerung gibt es das Schützenfest (das aber noch nicht jedes Jahr gefeiert wird) und das Kriegervereinsfest. Es hatte in Heiden ursprünglich auch mal einen Karneval gegeben, aber wegen der damit verbundenen „Ausschweifungen“ und „sittlichen Gefahren“ hatte bereits im Jahr 1855 der damalige Pfarrer Meyland eine Volksmission durchgeführt und den Karneval rigoros durch ein 40-stündiges Gebet in der Kirche ersetzt. Stattdessen werden dann in den einzelnen Nachbarschaften – meist im Monat Mai oder Juni – kleinere Nachbarfeste gefeiert, die die Heidener bis heute hartnäckig Faschlaowend (Fastelaovend, also Karneval) nennen. Daneben gibt es dann natürlich auch noch Hochzeiten und Kindtaufen, und in der Nachbarschaft auf dem Deel ein sogenanntes Erntebier, ein Erntefest im Herbst. Es gibt also um 1908 eine Reihe von traditionellen Festen, bei denen natürlich zum Tanz aufgespielt wird, oft nur von wenigen Musikern, sogenannten „Botteramskapellen“. Sie finden ein paar hübsche Fotos von der Nordicker „Botteramskapelle“ in den beiden Bänden “Das alte Heiden im Bild“ und „Daomaols in Häiden“, die ich 1979 bzw. 1991 in der Schriftenreihe des Heimatvereins veröffentlicht habe. Diese Nordicker „Botteramskapelle“ besteht aus großer und kleiner Trommel, einer Klarinette, einer Trompete, einer Geige und einem Trecksack – der Zufall bestimmt also wohl die Zusammenstellung; wer ein Instrument spielt, ist willkommen.
Das ist also ungefähr das Umfeld – ich gebe zu: ein wenig karikiert –, in dem im Jahre 1908 Heinrich Küper seine Blaskapelle gründet. Welche Motive mögen dabei eine Rolle gespielt haben? Nun, zuerst sicher das ganz persönliche Interesse der Musiker, die Freude am Musizieren. Der Gründer der Musikkapelle, Heinrich Küper (1883-1957), leistete von 1903-1905 seine Militärdienstzeit bei der Infanterie ab, vermutlich als Militärmusiker, denn von ihm wird berichtet, dass er während des Ersten Weltkriegs in einer Militärkapelle diente. Er wurde gleich am Tag nach der Mobilmachung, am 2. August 1914, wieder eingezogen, so dass die Heidener Kapelle für die nächsten vier Jahre wohl kaum noch aufgetreten ist, denn auch die übrigen Mitglieder der Kapelle mussten bald in den Krieg ziehen; die Kapelle wird erst 1919, nach Kriegsende also, wieder aktiviert.
Außer der Freude am gemeinschaftlichen Musizieren gibt es aber ein ganz wichtiges weiteres Element, das die Gründung der Kapelle sicher befördert hat: Es gibt nämlich eine starke Nachfrage nach Blasmusik, und die entsteht vor allem durch die großen Volksfeste, die seit den 1880er, 1890er Jahren regelmäßig mehrfach im Jahr stattfinden.
Der Kriegerverein veranstaltet jedes Jahr ein Fest und ein Biwak, der Schützenverein feiert nunmehr regelmäßig am zweiten Sonntag im August sein Schützenfest: Diese Feste mit ihren Umzügen, Paraden und Tanzabenden sind ohne eine Musikkapelle gar nicht denkbar, sogar beim Osterfeuer muss die Kapelle aufspielen.
Seit der Gründung des deutschen Kaiserreichs im Jahre 1871 entwickeln sich die Kriegervereine zu einer wichtigen propagandistischen Stütze der Bismarckschen Politik, sie werden von Staats wegen gefördert, weil sie, wie es heißt, für Kaiser und Reich eintreten und unverzichtbare Garanten einer vaterländischen Gesinnung sind – ganz nebenbei aber auch dem preußischen Hurrapatriotismus und Militarismus zu voller Entfaltung verhelfen. Zunächst sind die Kriegervereine für ihre Feste auf die Hilfe des Militärs angewiesen, die ihnen auch großzügig gewährt wird – aber so viele Militärkapellen, wie hierfür benötigt, besaß das kaiserliche Heer nun auch wieder nicht, und außerdem musste man auch deren Auftritte bezahlen. Auch der Heidener Schützenverein hatte ähnliche Sorgen: Für sein großes Schützenfest gemeinsam mit den Leblicher und Nordicker Schützen im Jahre 1902 verpflichtete er eine Regimentskapelle aus Wesel, und anderen Vereinen in der Umgebung ging es ähnlich: die Musikkapellen mussten aus Lengerich, Münster oder Dortmund anreisen. Man suchte also nach Auswegen: Der Kriegerverein Rhede beispielsweise fand wenige Jahre vorher, 1899, eine Lösung für das Problem, indem er eine eigene Musikkapelle gründete. Es gab also ganz sicher den lebhaften Wunsch in der Heidener Bevölkerung nach einer eigenen Musikkapelle, und das war nicht nur vor dem Ersten Weltkrieg der Fall: Gleich nach der Wiederbelebung der Kapelle 1919 tritt sie vermutlich das erste Mal öffentlich wieder auf beim Kriegerheimkehrerfest am 29. und 30. August 1920, veranstaltet vom Kriegerverein Heiden, mit Umzügen, einem Konzert auf dem Maibökenplatz und Tanz im Festzelt.
Aber nicht nur Krieger- und Schützenverein, der Gesangverein oder die Feuerwehr verlangen für ihre Feste und Umzüge nach einer Blaskapelle, auch die Kirche gehört zu den Interessenten. Nach Beilegung des Kulturkampfs mit der Bismarck-Regierung Ende der 1870er Jahre tritt der politische Katholizismus recht selbstbewusst und demonstrativ nach außen hin auf, und dazu dienen insbesondere große Prozessionen durch geschmückte Straßen oder Wallfahrten, z.B. zum Coesfelder Kreuz oder nach Kevelaer, und auch die sind ohne eine zünftige Musikkapelle nicht vorstellbar.
Soviel zu der Momentaufnahme im Gründungsjahr 1908 und ein wenig vorher und nachher. In den 100 Jahren ihres Bestehens hat sich die Heidener Musikkapelle einen festen Platz im Leben der Gemeinde erobert, sie ist für viele Ereignisse völlig unverzichtbar geworden. Was kommt einem gebürtigen Heidener wie mir denn in den Sinn, wenn er beispielsweise an das höchste Fest im Jahr denkt, das Heidener Schützenfest: Das sind doch vor allem die Umzüge und Paraden, das Abschreiten der Front durch den Bürgermeister oder das Königspaar zu den Klängen des Preußischen Defiliermarsches, gespielt von der Musikkapelle mit Kasper Mäierk oder Willi Roß an der Spitze – das ist Heiden in Reinkultur – und so sollte es auch bleiben!
Ich spreche also sicher in Ihrer aller Namen, wenn ich mit dem Wunsch schließe, dass die Musikkapelle Heiden auch in den nächsten 100 Jahren ihrem Auftrag in der gleichen hervorragenden Weise nachkommen möge, wie sie es in den vergangenen 100 Jahren getan hat.
Ludger Kremer